Wie geht es Ihnen? II

Schon seit einigen Tagen möchte ich einen Blogpost schreiben. Es gibt so vieles, das mich beschäftigt, aber es lässt sich irgendwie nicht auf den Punkt bringen. Seid also gewarnt; Es könnte wieder mal etwas wirr und schwierig nachvollziehbar werden.


Heute ist der Tag der 'grossen Lockerungen'. Die Grundschulkinder werden wieder die Schule besuchen, die Geschäfte dürfen wieder öffnen, ebenso die Restaurants und Bars. Der öffentliche Verkehr verkehrt wieder nach Fahrplan. Alles natürlich mit Abstand und Hygienemassnahmen.
Für mich persönlich ergibt sich daraus wohl keine grosse Lockerung. Schulkinder leben hier längst keine mehr, in Geschäften Schlange stehen versuche ich so gut es geht zu vermeiden, im Restaurant von maskiertem Personal bedient werden mag ich nicht und den öffentlichen Verkehr nutze ich leider kaum mehr. Wonach ich mich sehne ist, meine Familie wieder einmal 'als Ganzes' und in echt zu sehen.

Beruflich stelle ich weiterhin dieselbe Frage: 'Wie geht es Ihnen?'
Das Leben ist weitergegangen. Irgendwie. Mal besser, mal schlechter. Krisen sind überwunden, Klinikeintritte wurden nötig, Begleitungsprozesse wurden intensiver, andere verliefen sprichwörtlich im Sande. An den Nerven gezehrt hat es bei allen. Jede/r hat auf seine ganz persönliche Art auf die Krise reagiert und Bewältigungstrategien entwickelt.
Die Schutzmassnahmen sind zur Routine geworden. Händehygiene ist eh selbstverständlich und mit der Distanz klappt das mittlerweile auch gut. Sei es indem ein Tisch quer gestellt wurde um zwei Meter zu gewährleisten, seien es Spaziergänge mit Distanz und wenn beides nicht möglich oder wenn gewünscht mit Hygienemasken. Wobei letztere die Gespräche und Beziehungen massiv beeinträchtigen. Die Mimik ist schlecht lesbar und das führte mehr als einmal zu Missverständnissen. Eine Klientin präsentierte mir stolz zwei bunte genähte Masken, die sie sich geleistet hat und legte sie dann auf die schmutzige Küchenkombination. Waschbar bei 30 Grad.
Die psychiatrischen Fachstellen sind nun teilweise wieder zu persönlichen Treffen übergegangen. Zum Glück! Telefonate sind in aller Regel ein unzureichender Ersatz. Für viele KlientInnen war ich lange Zeit die einzige Fachperson, die sie regelmässig persönlich sahen.
Einige Klient/innen dürfen nun auch wieder an ihre (geschützten) Arbeitsplätze. Und sie freuen sich alle darauf wieder eine sinnvolle Beschäftigung und soziale Kontakte zu haben. Eine einigermassen geregelte Tagesstruktur aufrecht zu erhalten war für alle eine riesige Herausforderung, der sie sich mal mit mehr oder mal mit weniger Erfolg gestellt haben.

Ansonsten bin ich oft allein daheim, zusammen mit den Hunden. Abends und an den Wochenenden natürlich auch mit Herr Mo. Wir haben es gut miteinander, aber uns auch weniger zu erzählen. Auch sein Leben besteht aktuell aus arbeiten und daheim sein. Pläne schmieden, wie wir das sonst gerne tun, mögen wir momentan nicht. Zum Glück haben wir einen grossen Garten und leben in einer Gegend in der es viele schöne und nicht zu überlaufene Fleckchen gibt. Wobei letztere in den vergangenen Wochen etwas schwieriger zu finden waren.
Die Familie sehen wir gestaffelt und mit der geforderten Distanz. Den Enkel durfte ich vor einer Woche wieder einmal auf den Schoss nehmen. Ich freue mich immer, wenn ich wieder ein Foto oder gar ein Filmli von ihm bekomme. Er hat sich ja in den vergangene Wochen wieder enorm entwickelt.
Im Nähkämmerchen herrscht nun wieder Hochkonjunktur. Der Kleine ist schon nicht mehr so klein und braucht für den Sommer so einiges an Kleidern.


Vom Internet und den sozialen Medien habe ich mich etwas distanziert. Die Flut der Meldungen und noch mehr der Meinungen hat mich überfordert. Mehr und mehr hat sich bei mir der Eindruck verstärkt, dass diese Krise die Gesellschaft mehr spaltet als zusammenführt. Dass sich wie befürchtet viele nicht nur in ihr Daheim sondern auch in ihre eigene Blase zurückziehen. Echte soziale Fürsorge und Solidarität finden weniger denn je statt. Vielleicht sehe ich das etwas zu schwarz, aber die zunehmende Ichbezogenheit, die ich zu beobachten meine, gibt mir sehr zu denken.
Auf der einen Seite sind da diejenigen, die so tun als würde der Sensenmann hinter jeder Strassenecke lauern und die Menschen wahllos und ausschliesslich mit dem Coronavirus dezimieren. Ihrer Meinung nach waren die Massnahmen nie streng genug und diese nun zu lockern ein völlig unüberschaubares Risiko. Wehe dem, der es wagt, einzelne(!) Massnahmen in Frage zu stellen oder darauf hinzuweisen, dass auf dieser Welt nebst Corona noch so viele andere drängende Probleme und ernsthafte Krankheitsrisiken bestehen! Wer dann auch noch die Frechheit besitzt, darauf hinzuweisen dass es sich in den allerallermeisten Fällen um Hochbetagte und/oder vorerkrankte Menschen handelt, die an der Erkrankung sterben könnten(!), werden dann schnell Begriffe aus dem Nationalsozialismus bemüht. Da wird es mir so richtig übel!
Daneben wundert es mich nur noch bedingt, dass viele, die mit ihren Ängsten und Befürchtungen nicht mehr klar kommen und sich von der Gesellschaft im Allgemeinen und der Politik im Besonderen allein gelassen fühlen bei irgendwelchen abstrusesten Verschwörungstheorien Zuflucht suchen. Zum Gruseln!
Empathie und Solidaritä? Aber klar doch! Hauptsache, mein Gegenüber ist meiner Meinung! SelbstVerantwortung sollen die anderen übernehmen!
Es gibt bestimmt auch viele, die versuchen, den Verstand zu benutzen, einen gangbaren Mittelweg zu finden und pragmatische Lösungen anstreben. Sie sind vermutlich sogar in der Mehrzahl. Nur sehe ich das in der Flut der lautschreierischen Nachrichten und Kommentare oft nicht mehr.


Ich frage mich zeitweise, was das für eine Welt ist, in der unsere Enkel gross und wir  alt werden. Und ich frage mich, ob ich denn besser bin, als diejenigen, die ich hier anprangere. Habe ich mich nicht auch in mein Schneckenhaus zurückgezogen? Engagiere ich mich genug oder lamentiere ich zu viel?
Immerhin habe ich nun so viel über mein Leben nachgedacht, dass ich mich endlich in der Lage fühle, meine Patientenverfügung zu formulieren und mit meinen Liebsten zu besprechen.
Es wird für mich immer deutlicher, dass sich viele meiner Gedanken und Fragen um das Thema Ethik drehen und ich Lust habe, mich vertiefter damit auseinander zu setzen.

Keine Lust habe ich, hier weiter über Corona zu schreiben. Das soll mein letzter Post mit diesem Hauptthema sein. Ich möchte in meinen Gedanken wieder mehr Raum lassen für andere Themen.

Herzlich,
Monika



Kommentare

  1. Kann ich alles verstehen. Bin es auch leid, habe in der letzten Woche auch eine Krise gekriegt, weil ich das Auseinanderbrechen befürchte ( obwohl ich nie zu denen gehört habe, die die positiven Zukunftsblicke sich zu eigen gemacht haben. Ich bin und bleibe Skeptikerin. ). Das ist mir keineswegs egal, auch wenn ich in dieser Krise meine Kräfte nur für uns Zwei gebraucht habe ( wie es jetzt ist, bestätigt mich nur in dieser Entscheidung, mir geht ganz schön die Puste aus ). Wie krank mein Mann ist, erlebt frau halt viel deutlicher, wenn man ganz auf sich zurückgeworfen ist. Schön ist der Zusammenhalt & Zuspruch in der Familie, auch auf die Distanz.
    Alles Gute für die nächste Zukunft!
    Astrid

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