Kurz.ge.schich.ten N°10 {auffallen}

Hallo zusammen!

Frauchen hat lange überlegt, ob sie heute selber schreiben soll.
Sie und Herrchen sind gerade sehr, sehr traurig, weil uns eine ganz liebe Freundin für immer verlassen hat. Ihre 'älteste' Freundin.
Weil wir Hunde ja in diesem Blog eher für die heiteren Seiten zuständig sind, wollte Frauchen das Schreiben heute, wo es um ein so schweres Thema geht, selber übernehmen. Sie dachte nämlich, heute gehe es bei Paula's Kurz.ge.schicht.ten um {erkennen}. Das hätte sie mit ihrer Freundin in Verbindung bringen können. Eine Kurz.ge.schich.te über die Freundschaft oder über das Abschiednehmen. Sie war sich aber noch nicht sicher, ob und was sie wirklich hier auf dem Blog erzählen möchte.

Als Frauchen mir nochmals Paula's Stichworte für den Februar vorgelesen hat, ist mir natürlich sofort 'aufgefallen', dass ja {erkennen} erst Ende Februar das Thema ist. Diese Woche ist 'auffallen' dran.
Frauchen war etwas ratlos.Das sei für sie ein Zeichen, dass es noch nicht an der Zeit sei, hier über die Freundin, den Tod, die Fragen, das Akzeptieren, das Erkennen zu schreiben. Über was sie denn nun schreiben solle? Schreiben müsse sie nämlich! Es treibe sie richtig dazu!

Dann ist ihr der Gartenzwerg eingefallen.


Und sie musste wieder weinen.

Also habe ich zu ihr gesagt:


'Komm, Frauchen, lass uns die Geschichte vom Gartenzwerg erzählen! Zusammen schaffen wir das! Wenn du traurig wirst und wieder weinen musst, ist das gut so!'



Der Zwerg

Der Zwerg ist ein sehr 'auffälliger' Zwerg.
Er wurde zusammen mit einer ganzen Zwergen- und Zwerginnenschar in einer Werkstatt geschaffen, in der Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung arbeiten. Betongrau kam er aus seiner Form. Der Mann, der ihm sein Gewand gab, hatte grosse Freude daran, jeden der Zwerge anders einzukleiden. Zuerst waren alle Zwerge bunt gepunktet. Eine rote Mütze mit blauen Punkten, eine grüne Jacke mit gelben Punkten... Dann fand er, dass Blümchen auch gut passen würden. Eine gelbe Schürze mit weissen Blümchen drauf, eine einzelne lila Blüte auf der Mütze. Zu Weihnachten zog er den Zwergen rote Kleider an, mit schwarzem Gürtel. Der Bart natürlich in weiss.
Im Sommer wollte er etwas ganz besonderes, etwas richtig buntes, 'auffälliges', fröhliches. Regenbogenbunt! Genau!
Der Gewandmaler zeigte der Frau... nennen wir sie wieder Frau Mo... ein Foto des Regenbogenzwerges. Er hat Frau Mo auf dem Bild zugezwinkert! Sie hat es genau gesehen!
Es dauerte nicht lange, da zog der Regenbogenzwerg bei Herr und Frau Mo und ihren Hunden ein. Er war jedoch etwas ruhelos, konnte sich nicht entscheiden, wo er seinPlätzchen haben möchte. So wanderte er ein wenig umher. Auf dem Balkon fürchtete er, herunter zu fallen, im Wohnzimmer mochte er sich mit seinen bunten Farben nicht so richtig einordnen, im Garten dagegen, ging er in den Blumen regelrecht unter.
Dann hörte er von der Freundin von Frau Mo, die gerade beide Füsse gebrochen hatte und für lange Zeit im Spital und in der Reha bleiben musste.
Der Zwerg sagte zu Frau Mo: 'Es tut mir leid, aber ich muss weiterziehen. Ich habe eine neue Berufung, der muss ich folgen!'
Frau Mo liess ihn ziehen. Nicht gern, aber sie sah auch, dass sein Platz nun bei der Freundin sein musste.
Die Freundin freute sich unglaublich. Sie liebe doch Regenbögen so sehr! Sie taufte den Regenbogenzwerg auf den Namen Wichtel. Er fand, das sei ein guter Name. Wichtel sind liebe Wesen. Sie helfen gern, bereiten den Menschen Freude und zaubern ihnen ein Lächeln auf's Gesicht.Das alles konnte er gut!
Der Wichtel hat die Freundin auf ihrem Weg zum Gesundwerden begleitet. Er hat mit ihr den vergangenen langen, heissen Sommer im Spital und in der Reha verbracht, sie aufgemuntert und alle zum Lachen gebracht.
Anfänglich hat er Frau Mo regelmässig Fotos geschickt. Wichtel im Spitalgarten, Wichtel in den Blumen in der Reha, Wichtel mit 1.Augustwegge und Schweizerfähnchen.
Irgendwann, hörten die Nachrichten vom Wichtel auf. Frau Mo hat ihn fast vergessen.
Sie dachte, es gehe ihm und der Freundin gut. Das tat es wohl auch für einige Zeit.
Dann aber hat die Freundin verlernt, die Farben zu sehen. Wichtel konnte sie nicht mehr aufmuntern. Er versuchte zu leuchten, so gut er konnte. Es nützte nichts.
Die Freundin erhielt Hilfsangebote von ganz vielen Menschen und Engeln, die alle auch für sie da sein, sie begleiten, sie unterstützen wollten, die sich nichts mehr wünschten, als dass Freude und Wärme wieder ihr Herz erreichen.
Es schien, als wäre sie auf dem Weg der Heilung. Vielleicht hat sie den anderen und sich selber auch etwas vorgemacht. Wir werden es wohl nie erfahren.
Die Freundin hat sich still und 'unauffällig' aus dem Leben geschlichen. Bis ganz zuletzt hat sie alles getan um niemandem 'zur Last' zu fallen. Ob sie je daran gedacht hat, dass die Last, die nun all ihre Liebsten spüren, so viel mehr wiegt?
Zum Abschied hat sie ihr Paradies gezeichnet. Palmen, das Meer und die bunten Fische, die sie so geliebt hat. Blumen, Vögel, die Natur. Und ihre letzte Botschaft an ihre Lieben unter einem Regenbogen.
Die traurige Nachricht kam für Frau Mo nicht ganz unerwartet, sie hat sie aber trotzdem zutiefst schockiert. Sie respektiert den Entscheid der Freundin und hofft, dass sie ihr Paradies gefunden hat. Aber manchmal fragt sie sich, ob es nicht doch noch einen anderen Weg gegeben hätte...
In ihrer Trauer hat sich Frau Mo wieder an den regenbogenbunten Zwerg erinnert. Was wohl aus ihm geworden ist? Sie hofft, dass er wieder zu ihr zurückfindet und nun sie tröstet, sie aufmuntert und zum Lachen bringt.



Ja, das war die Geschichte vom Zwerg. Ich finde, es ist richtig, sie zu erzählen. Vielleicht kann ich Euch irgendwann erzählen, wie es weiter ging, vielleicht auch nicht.
Frauchen ist zwar noch immer sehr traurig und sie hat beim Schreiben ein paar Mal geweint. Aber sie sagt auch, das Schreiben habe ihr gut getan und sie ein wenig getröstet.

Wir schicken diese Geschichte gerne wieder zu Paula und ihren Kurz.ge.schich.ten

 
Herzlich,

Layana


https://paulashaus.blogspot.com/search/label/Kurzgeschichte




Kommentare

  1. Hey ihr Lieben, ich fühle so sehr mit euch, habe ich doch einmal etwas ganz ähnliches erlebt. Vor 20 Jahren war eine liebe Kollegin von mir in der Psychiatrischen Klinik. Ich habe sie dort besucht und versucht sie aufzuheitern. Ich habe gedacht, wenn ich nur fröhlich genug bin mit ihr, wird sie wieder gesund. Einige Zeit später erhielt ich die Nachricht, dass wir uns nie mehr wieder sehen werden. Man bleibt zurück und kann es einfach nicht verstehen. Es bleiben so viele Fragen, so viel Last auf dem Herzen.

    Manchmal geschehen Dinge,
    die können wir mit dem Verstand nicht fassen.
    Wir können nur versuchen,
    sie mit dem Herz zu akzeptieren.
    Wir müssen ziehen lassen,
    was gehen will,
    um Platz zu machen,
    was an schönen Erinnerungen bleiben wird.

    Das Leben ist endlich.
    Die Erinnerungen sind unendlich.

    Danke fürs Teilen ihr Lieben.
    Ich schicke euch in Gedanken eine regenbogenfarbige und liebe Umarmung.
    Herzliche Grüsse
    Paula

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    1. Danke, liebe Paula, für dein Mitfühlen und deine wunderbaren Worte! Sind sie von dir? Ich würde sie gern der Familie der Freundin als Trost weitergeben. Wenn ich darf?
      ♥ Monika

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    2. Ja. Sie kamen fast von selbst. Du darfst sie gerne teilen ❤️

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  2. Liebe Layana,
    du machst das sehr süss, zusammen schafft ihr das!
    Eine ganz schwierige Situation mit vielen offenen Fragen. Trauer und Träne gehören zusammen und sind okay.
    Lass mich dein Frauchen umarmen und
    liebe Grüsse
    Eda

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    1. Vielen Dank, liebe Eda! Es tut so gut, zu spüren, dass man nicht allein ist!
      ♥ Monika

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  3. Ach Frau Mo, das ist ein schlimmer Tod für die Zurückgebliebenen! Und weißt du, was mir damals geholfen hat, als mein Bruder sich so davon gestohlen hat? Ich habe geschrieben. Ich habe mich aus allen Blickwinkeln dem Thema genähert, geschrieben und ab und an mit meiner Nachbarin, einer Psychotherapeutin, geredet. Und irgendwann habe ich meine Version, meine Sicht auf das geschehene gefunden und meinen Frieden machen können. Jetzt liegt über allem der goldene Schimmer der Erinnerung, kein Schmerz mehr.
    Ich drücke dich!
    Astrid

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    1. Ja, liebe Astrid, da sind wir uns wohl sehr ähnlich. Ich habe gestern viel Tag geschrieben. Die Zwergengeschichte war nur ein Teil davon. Am Abend war ich völlig erschöpft und bin wie ein Stein ins Bett gefallen.
      Die Art, wie die Freundin gegangen ist, war zwar sanft und schmerzlos, aber, wenn man sie ein wenig gekannt hat, so unendlich traurig. Und doch blinken schon jetzt so viele schöne Erinnerungen auf, die uns ein ganz klein wenig trösten.
      Vielen Dank für dein Mitfühlen, liebe Astrid!
      ♥ Monika

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  4. Liebe Mo,
    in meinem Umfeld gibt es mehrere Familien, deren Söhne im Alter von 16 - 20 Jahren gegangen sind, teils ohne Vorwarnung.
    Das muss das Schlimmste für eine Mutter sein, akzeptieren zu müssen, dass sie Ihrem Kind nicht helfen konnte.
    Aus vielen Gesprächen im Laufe der Jahre weiß ich, dass es Menschen gibt, deren Traurigkeit so groß ist, dass sie glauben gehen zu müssen, die Sonne geht dennoch jeden Morgen wieder auf, ob man hinschaut oder nicht.
    Liebe Mo, fühle Dich in Arm genommen.
    Danke, dass Du die Geschichte Deiner Freundin für uns aufgeschrieben hast.
    Margot

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    1. Ach, liebe Margot, deine Worte über die Traurigkeit, die so gross wird, dass jemand glaubt, gehen zu MÜSSEN! Ich war einer von wenigen Menschen, die gewusst haben, dass die Freundin bereits einen Suizidversuch unternommen hat. Sie hat mir erzählt, dass sie entschieden hatte, zu gehen und dann sei der Gedanke, doch leben zu wollen, stärker gewesen und sie habe den Versuch um einen Tag verschoben. Das plagt mich fast am meisten; nicht zu wissen, ob sie nicht doch auch noch hätte bleiben wollen...
      Danke, du Liebe für deine Anteilnahme!
      ♥ Monika

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  5. Ich bin grad auch am Weinen. Manchmal steckt man nicht drin, und ich glaube, das man da auch nicht mehr viel tun kann. Es ist so richtig herzzerreißend!!

    Denk an die Amsel und den Bläuling. Irgendwann kommt deine Freundin vorbei und schaut nach, wie es dir geht. :)

    Liebe Grüße von
    Franziska

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    1. Danke, liebe Franziska! Das werde ich machen und ich bin sicher, dass es so sein wird.
      ♥ Monika

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  6. Ich möchte Dich auch in Gedanken fest drücken. Das Schreiben hilft da bestimmt ein bisschen. Und die Vierbeiner spüren unseren Kummer erst recht.
    Liebe Grüße
    Andrea

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