Kurz.ge.schich.ten N°5 {Vergangenheit}

Hallo zusammen

'Vergangenheit' das ist wieder so ein Menschenwort. Ich glaube, die meinen damit etwas, das früher war. Darüber mache ich mir nicht so Gedanken. Das ist, glaube ich, so ähnlich wie mit dem Warten. Vergangenheit ist nicht jetzt und darum interessiert mich das nicht besonders.

Frauchen sagt, 'Vergangenheit' ist ein schwieriges Thema. Sie hat in ihrer Arbeit oft mit Menschen zu tun, die in der Vergangenheit Schlimmes wie Gewalt oder Verluste von Menschen oder schwere Krankheiten erlebt haben und die sich bis heute nicht damit versöhnen können. Ihre Vergangenheit bestimmt ihr Jetzt und oft auch ihre Zukunft. Da gäbe es viel darüber zu schreiben. Aber im Blog möchte sie jetzt diese Schicksale nicht unbedingt darlegen.
Dann ist ihr doch eine Geschichte eingefallen. Eine, die sie nicht selber erlebt hat, sondern die sie erzählt bekommen hat. Sie hat es dann mir erzählt und ich erzähle es euch nun weiter. Und wie das so ist, bei weitererzählten Geschichten: Irgendwann weiss man nicht mehr, was wirklich so geschehen ist und was die Erzähler selber dazu erfunden haben.



Die Geschichte handelt von einer alten Frau. Ich nenne sie jetzt einfach mal Frau Moser. Ich finde, das ist ein schöner Name!

Frau Moser ist 94 Jahre alt und sie kann sich nicht mehr an früher erinnern.
Sie ist in ärmlichen Verhältnissen in einem Nachbarland der Schweiz aufgewachsen. Als junges Mädchen erlebte sie den zweiten Weltkrieg. Von diesen Erfahrungen wissen die Erzählerinnen nichts zu berichten.
Frau Moser wurde einige Jahre nach dem Krieg unerwartet schwanger. Wer der Vater des Kindes war, hat sie nie jemandem verraten. Ein Kind ausserehelich zur Welt zu bringen war zu dieser Zeit nicht einfach. Die junge Mutter liebte ihre Tochter zwar auf ihre Art sehr. Sie war jedoch oft nicht in der Lage, ihr die Zuwendung und materielle Sicherheit zu geben, die sie so dringend gebraucht hätte. Das Kind wuchs die ersten Jahre bei den streng katholischen Grosseltern auf. Prügel waren an der Tagesordnung.
Als die Tochter fünf war, heiratete Frau Moser einen Schweizer und zog mit ihm und der Tochter in seine Heimat. Ihr Mann liebte die Tochter wie wenn es seine eigene gewesen wäre. Der gemeinsame Sohn bekam von ihm nicht annähernd dieselbe Zuwendung.
Für Frau Moser war diese Zeit trotzdem nicht einfach. Ihr Mann verdiente als Vertreter für Haushaltwaren nicht genügend um den Lebensunterhalt für die Familie allein zu bestreiten. Sie fand in der Stickereifabrik im Nachbardorf eine Arbeit. Zeit für ihre Kinder hatte sie nur selten. Im Ort war sie als Ausländerin unwillkommen und die Tochter wurde in der Schule wegen ihrer eigenartigen Sprache verpottet und ausgegrenzt.
Mit nicht einmal 40 Jahren erkrankte der Mann schwer und starb nach einigen Monaten.
Für Frau Moser wurde es nun noch schwieriger, ihre Familie zu ernähren. Ihre Kinder, welche sie wieder zu den Grosseltern im Ausland in Obhut geben musste, sah sie nur alle paar Wochen.
Sie war glücklich, als sie nach zwei Jahren einen Mann kennenlernte, der sie zu lieben schien. Nach einigen Monaten Bekanntschaft heirateten die beiden. Die Kinder konnte sie nun wieder zu sich in die Schweiz nehmen.
Schon bald konnte Frau Moser nicht mehr die Augen davor verschliessen, dass ihr zweiter Ehemann Alkoholiker war. Streit, Gewalt, Eifersuchtsszenen und Geldknappheit dominierten nun ihr Leben. Auch ihre beiden Kinder konnte sie nicht davor schützen.
Die beiden ging schon bald ihre eigenen Wege und zogen aus, sobald ihre finanziellen Möglichkeiten es erlaubten.
Als die Kinder ausser Haus waren, schaffte es Frau Moser, ihren Mann zu verlassen. Sie zog in die Stadt, in eine kleine Wohnung. Luxus war weiterhin ein Fremdwort, aber sie lebte auf, fand neue Bekanntschaften, holte sich einen Hund ins Haus und lebte zum ersten Mal in ihrem Leben selbstbestimmt.
Die Beziehungen zu den Kindern war anfänglich schwer belastet. Der Sohn hat bis heute ein eher distanziertes Verhältnis zu seiner Mutter. Die Tochter hat sich mit der Mutter ausgesöhnt.
Als das Gedächtnis von Frau Moser nachzulassen begann, telefonierte ihr die Tochter jeden Morgen um ihr den Weg durch die Wohnung und durch den Tag zu erklären.
Mit Hilfe der Tochter und der Spitex konnte Frau Moser noch einige Jahre in ihrer Wohnung bleiben. Sie hadderte nie mit ihrer Demenzerkrankung und nahm die Hilfe dankbar an.
Irgendwann war dann ein Heimeintritt unausweichlich. Auch diesen Schritt bewältigte Frau Moser gut. Sie lebte sich schnell in ihrer neuen Umgebung ein und geniesst nun die Pflege und Zuwendung der Angestellten.
Auch zu den anderen HeimbewohnerInnen suchte sie den Kontakt. Leider sind viele von ihnen aber ein wenig eifersüchtig auf das schöne Leben, das ihre neue Mitbewohnerin früher geführt hat. Das kümmert Frau Moser aber nicht.
Sie erzählt gerne aus ihrem Leben. Von den liebevollen Eltern und dem schönen grossen Hof mit den Bediensteten. Von dem hübschen jungen Mann, in den sie sich  sofort verliebt hat und den sie bald darauf geheiratet hat. Von der grossen Liebe, die sie mit ihm erfahren hat. Auf Händen hat er sie getragen und ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen. Vom schönen grossen Haus und ihrem Rosengarten. Von den beiden Kindern, die beide einen guten Beruf gelernt haben. Von den Grosskindern...
Ja, Frau Moser findet, sie hatte eine schöne 'Vergangenheit'. Und alle die sie lieben, haben beschlossen, ihr diese schöne 'Vergangenheit' zu lassen und sich mit ihr darüber zu freuen.


Frauchen schickt diese Geschichte nun wieder zu Paula's Kurzgeschichten. Ich bin schon auf Paulas Geschichte gespannt und wer weiss, vielleicht erzählt dort ja auch sonst der Eine oder die Andere etwas aus der 'Vergangenheit'


Herzlich,


Layana


https://paulashaus.blogspot.com/search/label/Kurzgeschichte






Kommentare

  1. Was für eine tolle Geschichte. Traurig, nachdenklich und erfreulich gleichzeitig. Mitten aus dem Leben. Das Ende ist einfach grandios. :-)
    Herzlichen Dank! Habs mit Freude verlinkt ;-)
    Liebe Grüsse
    Paula

    AntwortenLöschen
  2. Wie schön, wenn man so glücklich und zufrieden alt werden darf. Herzergreifende Geschichte.
    L G Pia

    AntwortenLöschen

Kommentar veröffentlichen

Danke fürs Vorbeischauen auf meinem Blog! Ich freue mich sehr über deinen Kommentar!

Mit der Nutzung der Kommentarfunktion erklärst Du Dich mit der Speicherung und Verarbeitung Deiner Daten gemäss Datenschutzerklärung und Impressum einverstanden.
Du kannst deinen Kommentar jederzeit selber löschen oder durch mich entfernen lassen.