Samstag, 5. September 2015

eine schifffahrt

gestern bin ich mit dem schiff von luzern nach flüelen gefahren. wenn es irgendwie geht, mache ich das mindestens einmal im jahr. seit vielen jahren. drei stunden auf dem schiff. das ist lange. viel zeit um nichts tun. nur gucken. man könnte auch lesen. ich nehme immer ein buch mit. aber ich lese nie. ich gucke und hänge meinen gedanken nach...


die geneigte leserin hat es ja längst bemerkt: ich bin eine schweizerin! schweizerischer kann frau nicht sein! ich lebe seit über 50 jahren fast ununterbrochen mitten in der urschweiz, da also, wo die schweiz entstanden ist. mein stammbaum väterlicherseits geht zurück bis vor die zeit des rütlischwurs. alles schweizer (aso, natürlich nur so lange, wie es die schweiz schon gibt...), nur ganz selten hatte einer eine frau von 'auswärts'. mütterlicherseits gibt es keinen stammbaum, aber auch da sähe es wohl nicht viel anders aus.


immerhin lebe ich nun schon seit geraumer zeit mit einem mann aus einem anderen (urschweizer) kanton zusammen. dessen stammbaum wiederum weist ihn ebenfalls seit x generationen als schweizer aus. obwohl da ursprünglich mal einer aus dem elsass eingewandert ist. ich vermute mal, heute wäre das ein wirtschaftsflüchtling. aber offensichtlich hat der es erfolgreich verstanden, sich zu integrieren. was auch immer anno dazumal darunter verstanden wurde...


nein, ich bin nicht stolz darauf!
es ist nicht mein verdienst, dass ich in einem der schönsten und reichsten länder der welt leben darf. in relativer sicherheit. in relativ demokratischen verhältnissen. in einem land, wo menschenrechte in aller regel nicht mit füssen getreten werden, wo ich meine meinung frei äussern darf, wo ich mich nicht sorgen muss, ob ich morgen genug zu essen habe...
wo ich eine schöne schifffahrt unternehmen kann, einfach so, weil ich das gern möchte, weil es mir freude macht.
ich versuche zwar, meinen teil der verantwortung wahrzunehmen indem ich an abstimmungen und wahlen teilnehme. aber reicht das?


nein, ich bin nicht stolz darauf, schweizerin zu sein!
manchmal schäme ich mich sogar dafür. zum beispiel dann, wenn mir einer weismachen will, dass in der schweiz 'nur deffensive waffen' hergestellt werden. wenn eine politische partei so tut, als würde sie die schweiz und die schweizer vertreten. (die schweizerinnen müssen sie nicht vertreten, denn die gehören ja an den herd und zu den kindern und werden vom rechten schweizer vertreten) wenn genau diese selbsternannten und selbstherrlichen 'volks'vertreter sich über die armut und not anderer lustig machen. wenn mir möchtegernvolksvertreter dieser partei an jeder ecke und auf jeder wiese auf wahlplakaten entgegengrinsen, weil diese partei das bei weitem grösste wahletat hat. wenn dann das geld siegt und mit ihm diese partei...


ich bin auch nicht stolz darauf, dass ich ruhig geworden bin. bequem. mich nicht mehr öffentlich für eine sache engagiere. gut, im kleinen, im persönlichen kontakt, beruflich versuche ich es immer wieder. aber reicht das? es geht mir wohl zu gut...


drei stunden sind nicht lang. drei stunden sind schnell um!

ich habe beschlossen, wieder stolz zu sein. nicht darauf, dass ich schweizerin bin, sondern darauf, dass ich wieder mutiger bin. ich habe beschlossen, meine meinung zu sagen, menschenverachtende äusserungen nicht mehr stillschweigend hinzunehmen, etwas zu tun für menschen auf der flucht, für menschen, die nicht das glück haben, schweizerInnen zu sein.

wie ich das konkret machen werde? ich weiss es noch nicht. aber ich denke, es gibt genügend möglichkeiten, mich zu engagieren.

national:
caritas
heks
rotes kreuz 

und regional:
fomaz 


 
herzlich,


mo

die liebe eva wünscht sich diesmal für ihre 180-grad-aktion etwas zum thema licht und schatten. ich glaube, irgendwie passt das...



Kommentare:

  1. Liebe Frau Mo - und wie das passt!!!
    Und ja, irgendwie schreiben wir da heute gerade haarscharf dasselbe.

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